Future Literacy – Zukunftsdenken als Kulturgut
Wir reden derzeit erstaunlich viel darüber, was Künstliche Intelligenz künftig können wird, aber andererseits erstaunlich wenig darüber, was wir Menschen künftig können sollten. Wir diskutieren darüber, welche Berufe verschwinden könnten, welche Tätigkeiten automatisiert werden und welche Entscheidungen die KI künftig für uns vorbereiten oder sogar übernehmen können. Aber übersehen wir dabei nicht eine viel grundsätzlichere Entwicklung? Denn je leistungsfähiger unsere Systeme werden, desto größer wird die Versuchung, ihnen nicht nur Aufgaben zu übertragen, sondern zunehmend auch unser Denken über die Zukunft selbst. Genau hier liegt für mich der blinde Fleck.
Denn wir trainieren Maschinen darauf, immer bessere Antworten zu geben, aber trainieren wir auch uns selbst darin, andere Fragen zu stellen? Investieren wir ausreichend in unsere Vorstellungskraft, unsere Urteilskraft und unseren Mut, Zukunft auch außerhalb des Wahrscheinlichen zu denken? Hier setzt Future Literacy an und wird zu einer entscheidenden Zukunftskompetenz.
Was Future Literacy mit unserer Vorstellung von Zukunft verändert
Die UNESCO beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Future Literacy als einer grundlegenden Fähigkeit im Umgang mit Zukunft. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Zukunft besser vorherzusagen, sondern zu erkennen, wie unsere Vorstellungen von Zukunft unser Denken und Handeln in der Gegenwart beeinflussen. Das klingt zunächst einfach, aber tatsächlich verändert es unseren Blick auf Zukunft fundamental. Denn Future Literacy gehört überall dorthin, wo Zukunft nicht nur passieren, sondern gestaltet werden soll. Das ist auch ein zentraler Gedanke meines Buches „Ressource Zukunft“.
Future Literacy und KI – raus aus dem Wahrscheinlichkeitsgefängnis
Wir alle tragen Bilder, Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen über Zukunft in uns, die uns beeinflussen, welche Entscheidungen wir treffen, welche Möglichkeiten wir erkennen und welche wir ausschließen. Deshalb ist Zukunft auch nicht nur etwas, was irgendwann auf uns zukommt, sondern eine Ressource, die wir tunlichst nicht aus der Hand geben sollten.
Gerade darin sehe ich eine der großen Herausforderungen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. KI kann zwar enorme Mengen an Informationen verarbeiten. Sie erkennt Muster, stellt Zusammenhänge her und kann aus vorhandenen Daten mögliche Entwicklungen ableiten. Unumstritten, all das ist beeindruckend und wird unser Denken erheblich erweitern. Problematisch wird es dann, wenn aus dieser Unterstützung Orientierung wird. Denn Daten erzählen uns zunächst einmal, was war. Wahrscheinlichkeiten beschreiben, was unter bestimmten Annahmen eintreten könnte, sagen uns aber nicht, welche Zukunft wir denn wirklich wollen. Wenn wir aber beginnen, Wahrscheinlichkeit mit Zukunft zu verwechseln, entsteht etwas, das ich als „Wahrscheinlichkeitsgefängnis“ bezeichne. Wir bewegen uns dann immer stärker innerhalb dessen, was aufgrund vorhandener Daten auch plausibel erscheint. Das Überraschende, das Unfertige, das Unwahrscheinliche und wirklich Neue geraten aus unserem Blickfeld. Vielleicht besteht deshalb die eigentliche Gefahr von KI gar nicht darin, dass Maschinen irgendwann wie Menschen denken, sondern dass wir Menschen zunehmend beginnen, wie Maschinen über Zukunft zu denken.
Future Literacy durchbricht genau diese Logik, weil sie nicht nur fragt, was wahrscheinlich geschehen wird, sondern was noch möglich sein könnte. Welche Annahmen bestimmen unseren Blick? Was übersehen wir gerade? Welche Zukunft halten wir für unrealistisch und warum, oder aber welche Möglichkeiten entstehen, wenn wir Perspektiven verändern? Future Literacy ist kein Gegenmittel gegen KI, aber sie ist eine Antwort auf die Gefahr, unsere Zukunft aus der Hand zu geben. Und das ist ein entscheidender Unterschied.
Warum KI-Kompetenz allein nicht ausreicht
Natürlich müssen Menschen lernen, kompetent mit Künstlicher Intelligenz umzugehen. Wir brauchen Wissen darüber, wie diese Systeme funktionieren, was sie können und wo ihre Grenzen liegen. Aber das reicht nicht, denn die entscheidende Zukunftsfrage lautet nicht, wie wir mit einer Technologie umgehen. Sie muss lauten, welche Zukunft wir mit ihr ermöglichen wollen. Und dafür brauchen wir Menschen, die Zukunft nicht nur analysieren, sondern sich Zukunft auch vorstellen können. Also Menschen, die Unsicherheit nicht sofort beseitigen müssen. Menschen, die Widersprüche aushalten. Menschen, die bestehende Narrative hinterfragen. Menschen, die andere Möglichkeiten denken können und Menschen, die den Mut haben, daraus Verantwortung und Handlung entstehen zu lassen.
Future Literacy und Regeneratives Zukunftsdesign
Hier verbindet sich Future Literacy mit meinem Ansatz des Regenerativen Zukunftsdesigns. Verstehen, Erkunden und Gestalten. Verstehen bedeutet, nicht sofort nach Antworten zu suchen, sondern zuerst einmal Zusammenhänge zu erkennen, Annahmen sichtbar machen und den eigenen Blick hinterfragen. Erkunden heißt, den Raum der Möglichkeiten zu öffnen. Nicht sofort entscheiden, was funktioniert und was nicht, sondern experimentieren und Unfertiges zulassen. Offen lernen, statt möglichst früh recht haben zu wollen. Und Gestalten bedeutet schließlich auch Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen und aus Erkenntnissen konkrete Handlung entstehen zu lassen. Erst dann verbindet sich die äußere Zukunft mit unserer inneren Zukunft.
Äußere Zukunft braucht innere Zukunft
Über die äußere Zukunft sprechen wir ständig. Technologie, Klima, Energie, Wirtschaft, Demografie und geopolitische Veränderungen beschäftigen Unternehmen, Politik und Gesellschaft. Aber was ist mit unserer inneren Zukunft? Mit unserer Vorstellungskraft, unserer Haltung unseren Mut oder unserer Selbstwirksamkeit. Wir investieren enorme Summen in Systeme, die immer leistungsfähiger darin werden, Informationen zu verarbeiten und Antworten zu produzieren. Aber gleichzeitig investieren wir vergleichsweise wenig darin, Menschen zu befähigen, mit Unsicherheit umzugehen, eigene Zukunftsbilder zu entwickeln und in einer unsicheren Welt navigieren zu können. Das halte ich für einen Fehler, denn eine Gesellschaft, die ihre Vorstellungskraft verliert, verliert irgendwann auch ihre Gestaltungskraft.
Zukunftsdenken muss zum Kulturgut werden
Deshalb gehört Future Literacy für mich nicht in eine kleine Nische der Zukunftsforschung. Sie gehört dorthin, wo Menschen Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und Zukunft aktiv gestalten wollen. In Unternehmen und Organisationen, in Politik und Verwaltung, in Regionen und Gemeinden, in Wissenschaft und Bildung und letztlich mitten in unsere Gesellschaft. Wir dürfen Zukunft nicht erst dann zum Thema machen, wenn eine neue Strategie geschrieben werden muss oder die nächste Krise vor der Tür steht. Zukunftsdenken muss zu einem Kulturgut werden, weil Menschen erleben müssen, dass Zukunft nicht etwas ist, dem sie ausgeliefert sind. Sie müssen erfahren, dass sie Zusammenhänge verstehen, Möglichkeiten erkunden und daraus Handlung entwickeln können.
In dieser Selbstwirksamkeit liegt die eigentliche Bedeutung von Future Literacy. Und deshalb braucht es in Zeiten Künstlicher Intelligenz weniger Diskussionen darüber, wie wir mit den Maschinen Schritt halten können, sondern was uns als Menschen zukunftsfähig macht. Also nicht noch schneller rechnen und noch mehr Daten zu verarbeiten, sondern wie wir lernen, Zusammenhänge zu erkennen, Perspektiven zu wechseln oder Möglichkeiten zu denken und verantwortlich zu handeln.
Future Literacy ist mehr als eine Kompetenz
Future Literacy ist damit weit mehr als eine Kompetenz. Sie ist eine Haltung gegenüber dem noch nicht Vorhandenen und bedeutet, Zukunft nicht als Verlängerung der Gegenwart zu akzeptieren, sondern als Möglichkeitsraum zu begreifen. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten unserer Zeit. Eben nicht die Zukunft möglichst genau vorherzusagen, sondern den Mut zu behalten, andere Zukünfte überhaupt denken zu wollen. Und klar, KI kann uns dabei unterstützen, aber welche Zukunft wir möglich machen wollen, dürfen wir nicht an sie delegieren, sondern selbst bestimmen.
Über Klaus Kofler
Klaus Kofler ist Zukunftsforscher, Futurist, Zukunftsdesigner und Autor. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, wie Menschen und Organisationen Zukunft wahrnehmen, denken und gestalten. Im Zentrum seiner Arbeit stehen Zukunftskompetenz, Regeneratives Zukunftsdesign und die Idee, Zukunft als gestaltbare Ressource zu begreifen.